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Evergreen-Fonds: Die neuen Schlüsselinstrumente im Wealth Management

Der Aufstieg von Evergreen-Fonds zählt zu den bemerkenswertesten Entwicklungen an den privaten Kapitalmärkten der letzten Jahre.

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Executive Summary
  • Seit 2020 hat sich die Zahl der von Private-Equity-Häusern verwalteten Evergreen-Strukturen auf über 500 verdoppelt, während das verwaltete Vermögen auf mehr als USD 350 Mrd. angewachsen ist.
  • Besonders ausgeprägt fiel das Wachstum in Europa aus: Jüngste verfügbare Daten zeigen, dass das verwaltete Vermögen innerhalb eines Jahres um über 60% auf nahezu EUR 63 Mrd. gestiegen ist.
  • Hinter diesem Wachstum stehen einige, eng miteinander verknüpfte Treiber.

Die Zukunft der Privatmärkte

Investoren erwarten, dass ihre Privatmarktanlagen – sei es in Private Debt, Private Equity oder Infrastruktur – ihren Portfolios Wertwachstum bescheren, zugleich aber flexibel bleiben und ihr Kapital nicht über Jahre binden. Genau hier setzen Evergreen-Strukturen an: Sie bieten deutlich flexiblere Liquiditätsoptionen als klassische geschlossene Fonds und eröffnen Anlegern eine innovative Zugangsform zu Privatmarktanlagen.

Auch die regulatorischen Rahmenbedingungen für Evergreen-Fonds sind in den letzten Jahren klarer und einheitlicher geworden. In Europa hat die Reform des europäischen langfristigen Investmentfonds (ELTIF) ehemals restriktive Regeln gelockert, etwa bei Mindestzeichnungssummen, zulässigen Investitionen oder Verschuldungsgrenzen. Auch in Grossbritannien ging man diesen Weg: Ende 2021 führte die Financial Conduct Authority den Long-Term Asset Fund (LTAF) ein, um breiteren Zugang zu Investitionen in Privatmärkte zu ermöglichen. Diese neuen Regelungen trugen entscheidend dazu bei, Evergreen-Fonds als etabliertes und vertrauenswürdiges Instrument im Wealth Management zu verankern.

Parallel zu den regulatorischen Entwicklungen haben Branchenstandards, wie etwa von der Institutional Limited Partners Association (ILPA), das Reporting über verschiedene Vehikel hinweg vereinheitlicht und nachvollziehbar gemacht. Auch digitale Lösungen, wie Investorenportale, Self-Service-Dashboards und Workflow-Systeme, haben die Standardisierung von Kennzahlen vorangetrieben und ermöglichen Anlegern eine einfachere Überwachung der Fonds-Performance sowie den Zugriff auf aktuelle Bewertungen. Schliesslich ermöglicht der wachsende und differenziertere Sekundärmarkt Evergreen-Fonds einen effizienteren Kapitaleinsatz und die Schaffung frühzeitiger Liquidität.

Kurz gesagt: Der Markt hat die bewährte Struktur des geschlossenen Fonds modernisiert und an die sich wandelnden Kundenbedürfnisse angepasst – so entstand der Evergreen-Fonds.

Glättung der J-Curve

Neben ihrem strukturellen Wachstumspotenzial zeichnen sich Evergreen-Fonds vor allem durch ihren praktischen Mehrwert für Anleger aus. Besonders hervorzuheben ist die Glättung der für traditionelle, geschlossene Private Equity Fonds typischen J-Curve. Da bei der Zeichnung eines Evergreen-Fonds das investierte Kapital unmittelbar eingesetzt wird, entfallen der „Cash Drag“ und die üblichen Kapitalabrufe. Gleichzeitig wird das Kapital über unterschiedliche Jahrgänge (Vintages) und Regionen verteilt, wodurch das Risiko über verschiedene Konjunkturzyklen hinweg gestreut wird. Evergreen-Fonds ersetzen die starren, mehr als zehnjährigen Haltedauern traditioneller Private-Equity-Fonds durch strukturierte Zeichnungs- und Rückkaufmechanismen. Viele Fonds ermöglichen Anlegern vierteljährliche oder sogar monatliche Rückkäufe – ein Mass an Liquidität, das klassischen Private-Equity-Fonds fremd ist. Die semi-liquide Struktur kombiniert die Illiquiditätsprämie der Privatmärkte mit grösserer Flexibilität und verschafft Anlegern sowie Vermögensverwaltern mehr Handlungsspielraum bei der Portfolioverwaltung.

Evergreen-Fonds vereinfachen für Privatanleger den Zugang zur Assetklasse Private Equity auch, indem sie das sogenannte „Blind-Pool-Risiko“ eliminieren. Mit anderen Worten: Anleger sagen ihr Kapital nicht einem neu aufgelegten Vehikel mit einer künftigen Anlagestrategie zu, sondern kaufen sich in ein bestehendes Portfolio ein, im Sinne eines klaren und konsistenten Anlage-Narrativs: „Stets investiert, kontinuierlich wachsend“. Intermediäre können dieses Konzept klar kommunizieren und so sowohl die Kundenbeziehung als auch das Vertrauen in das empfohlene Produkt stärken.

J-Curve of a Typical Closed-End Private Equity Fund

Darüber hinaus eignen sich Evergreen-Fonds aufgrund ihrer zeitlich unbegrenzten Struktur besonders für langfristige Vermögensstrategien wie Nachfolgeplanung, Philanthropie und den generationenübergreifenden Vermögenstransfer. Sie stellen damit ein überzeugendes Instrument für Familien dar, die ihr Engagement an den Privatmärkten über Generationen hinweg aufrechterhalten möchten, ohne den administrativen Aufwand und die Kosten wiederholter Neuzeichnungen in neue Fonds auf sich nehmen zu müssen. Die innerhalb von Evergreen-Strukturen verfügbare Liquidität ermöglicht es, ausgewählte philanthropische Zwecke regelmäßig und planbar zu unterstützen.

Dies weckt Ihr Interesse an einer Evergreen-Allokation – doch wie funktionieren die Abläufe in der Praxis, und wie läuft ein Investment im Detail ab?

Kapitalanlage nach Mass

Anleger müssen nicht auf eine Fondsauflegung oder einen neuen Fundraising-Zyklus warten. In der Regel können sie monatlich oder vierteljährlich in Evergreen-Fonds investieren, wobei Zeichnungen üblicherweise zum aktuellen NAV erfolgen (mit kurzer Frist vor dem Bewertungsstichtag). Der Prozess ähnelt dabei einer Investition in einen klassischen Investmentfonds – ein klarer Vorteil für Kunden, die neu an den Privatmärkten sind. Die Mindestzeichnungssummen liegen deutlich unter denen traditioneller, geschlossener Fonds, und es gibt keine Kapitalabrufe: Der volle Zeichnungsbetrag wird sofort investiert und eingesetzt.

Rückkaufmöglichkeiten bestehen meist monatlich, vierteljährlich oder halbjährlich. Anleger müssen in der Regel eine Kündigungsfrist von 30 bis 90 Tagen einhalten, damit der Fonds die Liquidität steuern kann. Zusätzlich können weitere Einschränkungen greifen, etwa „Gating“-Mechanismen, die Auszahlungen auf einen bestimmten Prozentsatz des NAV pro Periode begrenzen. Die genauen Regelungen hängen jeweils von den Fondskonditionen und den individuellen Vereinbarungen zwischen den Parteien ab.

Um die erhöhte Liquidität für Anleger zu gewährleisten, halten Fondsmanager einen Teil des Portfolios in liquiden Anlagen – dem sogenannten „Liquidity Sleeve“. Die Bestände in diesem Liquiditätspolster liegen häufig zwischen 10% und 20% des Gesamtportfolios. Bei den Ausschüttungen bieten einige Fonds Anlegern die Wahl zwischen regelmässigen Auszahlungen oder der automatischen Wiederanlage der Erträge.

Die Bewertungen erfolgen in der Regel monatlich oder vierteljährlich, und werden meist von externen Wirtschaftsprüfern begleitet. Im Gegensatz zu traditionellen geschlossenen Private-Equity-Fonds verzichten Evergreen-Vehikel beim Onboarding auf komplexe Limited Partnership Agreements und setzen stattdessen auf standardisierte Zeichnungsunterlagen. Nach Abschluss des Onboardings können Anleger zusätzliche Zeichnungen tätigen, ohne den gesamten Prozess erneut durchlaufen zu müssen. KYC- (Know Your Customer) und AML-Prüfungen (Anti-Money Laundering) bleiben dabei selbstverständlich obligatorisch.

Evergreen-Fonds erweitern nicht nur den Zugang zu Privatmärkten, sondern bringen auch moderne Gebührenstrukturen mit sich.

Traditional PE Fund vs Evergreen Fund
Quelle: Amundi Alpha Associates

Klarheit bei Gebühren

Da es keine Kapitalzusagen gibt und der Zeichnungsbetrag sofort investiert wird, berechnen Evergreen-Fonds – anders als geschlossene Vehikel – eine pauschale Managementgebühr auf Basis des NAV statt dem zugesagten Kapital während der Investitionsphase. Auch die Performance-Struktur ist angepasst: Anstelle von Carried Interest fällt meist eine Performance-Gebühr auf das NAV-Wachstum oder die realisierten Renditen an. Häufig gilt dabei eine sogenannte High Water Mark, sodass Performance-Gebühren nur auf NAV-Zuwächse nur oberhalb des bisherigen Höchststands berechnet werden.

Für Vertriebspartner wie Privatbanken, Vermögensverwalter und externe Asset Manager fügen sich Evergreen-Fonds nahtlos in etablierte Vertriebsstrukturen ein. Ähnlich wie bei Investmentfonds generieren Retrozessionsmodelle laufende Vergütungen, die an die Managementgebühr gekoppelt sind und somit planbare, wiederkehrende Einnahmen sichern. Die genauen Mechanismen hängen von der jeweiligen Jurisdiktion ab, doch im Allgemeinen gewährleisten Evergreen-Modelle – im Gegensatz zum Upfront-Gebührenmodell geschlossener Fonds – eine engere wirtschaftliche Abstimmung zwischen Intermediär und Kunde.

Zudem bieten Evergreen-Fonds Intermediären strukturelle Vorteile. Eine einzige Multi-Manager-Allokation, die Zugang zu verschiedenen Strategien, Geographien und Sektoren ermöglicht, macht die Verwaltung zahlreicher geschlossener Zusagen, Kapitalabrufe und Ausschüttungen überflüssig.

Evergreen und traditioneller Fonds: die ideale Kombination

Evergreen-Fonds bieten zahlreiche Vorteile, doch nehmen traditionellen geschlossenen Fonds nicht ihre Daseinsberechtigung – vielmehr lassen sich beide Ansätze kombinieren.

Evergreen-Vehikel sind – insbesondere für grössere Anleger mit entsprechendem Risikoprofil – oft als Ergänzung zu traditionellen Private-Equity-Strukturen geeignet. Während Evergreen-Fonds über Konjunkturzyklen hinweg ein breites Spektrum an Möglichkeiten nutzen und laufend Erträge wiederanlegen, bleiben geschlossene Fonds ein bewährtes Instrument, um wertsteigernde Strategien gezielt in Vintages, Sektoren und Regionen umzusetzen. Gemeinsam ermöglichen sie ein ausgewogeneres Engagement an den Privatmärkten und verschaffen Zugang zum besten Deal-Flow aus beiden Welten. Eine Hybridstrategie aus Evergreen-Fonds und traditionellen geschlossenen Fonds kann zudem Liquiditätslücken überbrücken, indem die Evergreen-Allokation das Engagement fortsetzt, während ein Anleger auf Rückflüsse aus einer geschlossenen Allokation wartet.

Dennoch gilt: So attraktiv Evergreen-Fonds auch sind, heben sie die langfristigen Beschränkungen der Privatmärkte und alternativen Anlagen nicht auf. Zwar sind Evergreen-Fonds deutlich liquider als traditionelle geschlossene Fonds, investieren jedoch weiterhin in klassisch illiquide Anlagen. Der Anlagehorizont bei Private Equity, Private Debt oder Infrastruktur bleibt langfristig ausgerichtet. Einfach ausgedrückt: Je länger Kapital gebunden wird, desto höher können die potenziellen Erträge ausfallen. In dieser Hinsicht ist es entscheidend, Kunden über die Langfristigkeit des idealen Anlagehorizonts, die Liquiditätsbeschränkungen und die zeitversetzten Bewertungen aufzuklären. Da Evergreen-Strukturen noch relativ neu sind, müssen sie sich zudem erst in unterschiedlichen Konjunkturzyklen bewähren.

Obwohl die Argumente für eine Allokation in Private Equity Evergreens überzeugend sind, kommt es auf die richtige Auswahl an. Ein breit aufgestellter Multi-Manager-Fonds ermöglicht Anlegern die besten Chancen auf attraktive Erträge, während Diversifikation Risiken mindert.